In einer Interviewreihe berichten die beteiligten Akteur*innen von Ihren Erfahrungen mit dem Haus für Gesundheit und Arbeit. Wie hat der innovative Ansatz aus ihrer Sicht funktioniert? Was waren typische Aufgabenfelder der psychologischen Diagnostik? Und welches persönliches Fazit ziehen die Mitarbeiter*innen aus ihrer Zeit im Projekt.

2. Juli 2024
©LH-HGuA

Könnt ihr euch bitte kurz vorstellen? Was ist eure Tätigkeit im Projekt?

Wir sind Dr. Annette Mbombi und Jürgen Maaß und als Diplom-Psycholog*innen im Haus für Gesundheit und Arbeit für die Diagnostik zuständig Wir kommen aus dem Bereich berufliche Reha und arbeiten für das Berufliche Trainingszentrum (BTZ). Wir haben aber auch schon bereits für das im Berufsförderungswerk zusammengearbeitet.

Ihr bringt also viel Expertise mit, gerade auch im Kontext Gesundheit und Arbeit. Welche diagnostischen Fragestellungen werden denn besonders häufig an euch herangetragen?

Frau Mbombi: Das Thema, was immer wieder auftaucht, ist das der Belastbarkeit, wie vorher auch im Reha-Bereich. Wie ist die arbeitsbezogene Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit aktuell? Kann ich mich nach einer Auszeit – trotz (Rest)Symptomen einer Erkrankung – (bereits) um das Thema Arbeit kümmern? Viele Menschen wollen auch nicht in ihrem aktuellen Arbeitsbereich verbleiben oder dorthin zurück, weil die Tätigkeit ihre Gesundheit belastet. Dann sprechen wir über Arbeitsanforderungen auf der einen Seite und Symptome, Arbeitssituation und Bewältigungsstrategien auf der anderen.

Herr Maaß: Weiterhin kann es auch darum gehen, Schritte zu entwickeln, die helfen, die Belastbarkeit wieder zu steigern sowie aus der psychologischen Fachlichkeit heraus, Hinweise für den Coachingprozess zu geben. Wir können eine breite Palette an diagnostischen Methoden anbieten, z.B. verschiedene wissenschaftlich fundierte Fragebogenverfahren und Tests, aber auch eine mehrwöchige Belastungserprobung mit praktischen Arbeitsaufgaben, vermitteln. Weitere Fragestellungen gibt es in Bezug auf persönliche und arbeitsbezogene Erlebens-und Verhaltensmuster, deren Kenntnis z.B. dabei helfen kann, zu verstehen, warum es in der Vergangenheit bestimmte wiederkehrende Arbeitsprobleme gab und wie Lösungen für die Zukunft aussehen könnten

Könnt ihr ein konkretes Beispiel benennen?

Herr Maaß: Ich denke da an eine Nutzerin, für welche eine tiefergehende Diagnostik hilfreich und notwendig war, da sie ihre Belastbarkeit schwer einzuschätzen konnte. Durch das BTZ als Kooperationspartner konnte sie in einer Belastungserprobung diese Frage für sich beantworten. Für sie war das sehr hilfreich, sich dann für den Weg einer beruflichen Reha zu entscheiden.

Wie reagieren die Menschen auf das Angebot der Diagnostik?

Herr Maaß: Die Menschen im HGuA haben Fragen, die sie für sich, mit Unterstützung der psychologischen Diagnostik, klären möchten. Es ist keine Diagnostik von oben herab und verordnet und wird deshalb gerne angenommen.

Frau Mbombi: Viele Nutzer*innen freuen sich, dass sie eine weitere Perspektive zu Fragestellungen erhalten, die sie beschäftigen. Wir sehen die Diagnostik im HGuA eher als einen anregenden Reflexionsprozess, es geht nicht um eine Diagnose, die verkündet oder aufgedrückt wird, sondern um Erkenntnisgewinn über die eigene Person an der Schnittstelle psychische Fragilität und Arbeitsleben. Psychologische Diagnostik und anliegenorientierte Beratung verschwimmen häufig bei unserer Tätigkeit.

Was ist in euren Augen besonders hilfreich im HGUA für die Nutzer*innen? Wie ist das Rechtskreisübergreifende, das Innovative geglückt? Wie ihr beschrieben habt geht es stets um die eigene Agenda der Nutzenden, das könnte ich mir beispielsweise als sehr hilfreich vorstellen.

Herr Maaß: Die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Es war sehr hilfreich, dass von Beginn des jeweiligen Coachingprozesses an, vielfältige Kompetenzen, Perspektiven und Ideen der verschiedenen Mitarbeitenden eingebracht und genutzt werden konnten.

Frau Mbombi: Bei uns bringt jede Profession und jede Institution Wissen in den Coachingprozess von Nutzenden ein. Expertise kann immer sehr schnell abgefragt werden, da wir alle auf einem Flur sitzen. Das ist einmalig.

Wie schaut ihr persönlich auf die Zeit? Das Projekt ist ja befristet. Was nehmt ihr mit? Was war spannend?

Frau Mbombi: Interessant sind die immer wieder neuen Fragestellungen, die Nutzende einbringen. Jeder Coachingprozess ist anders, es gibt ganz eigene Themen und Problemstellungen. Wir haben es mit sehr spannenden Menschen und ganz unterschiedlichen Lebensläufen zu tun, es ist immer wieder anregend, auch nach so vielen Jahren der beruflichen Tätigkeit. Es gibt so viele interessante Arbeitsfelder, die wir durch die Gespräche im Detail kennenlernen. Und faszinierend ist auch, auf welch hohem Niveau das Coaching durch die koordinierenden Coaches gestaltet wird.

Herr Maaß: Ich habe alle Mitarbeitenden im HGuA als außerordentlich engagiert, kompetent und offen für Neues erlebt. Die Zusammenarbeit hat auch deshalb immer viel Freude gemacht. Sehr wichtig für den Coachingerfolg halte ich, dass die Teilnehmenden freiwillig, ohne äußeren Zwang oder Vorgabe, das Angebot nutzen konnten und wirklich selbstbestimmt die für sie wichtigen Anliegen verfolgen konnten. Sehr gefallen hat mir auch, dass es im Team so ein umfassendes Wissen über im Hamburger Raum bestehende Unterstützungs- und Beratungsangebote gibt und dies immer in den Coachingprozess einfloss.

 

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